Die Identität des Web vs. Winnenden

Es ist ein sehr trauriger Anlass, der den Nachrichtenportalen hohe Klickraten und grosses Interesse der Öffentlichkeit beschert. Stefan Niggemeier hatte sich bereits in seinem Blog zur Moral der Berichterstattung bei Focus und Co. geäussert und darauf hingewiesen, dass die Focusse nur zu billig Twitter für ihre Zwecke genutzt haben, den Verhaltenskodex der Twitter-Community ausser Acht liessen und dadurch eine Menge Kritik aus deren Reihen einstecken mussten.

Niggemeier zeigt sehr schön auf wie der Focus-Twitter-”Journalismus” Banalitäten, persönliche Befindlichkeiten des Twitterers mit durchaus ernst zu nehmenden journalistischen Ansätzen vermengt. Die Objektivität des Journalismus bleibt aussen vor, die Nachricht auf der Strecke und der von den Medienmachern gewünschte Effekt verpufft als One-Hit-Wonder. Trotzdem hat der verunglückte Twitterkanal eine hohe Aufmerksamkeit erreicht, weil die Burda-PR-Abteilung verstanden hat, den Focus-Twitter in Verwandschaft zur Notlandung auf dem Hudson zu setzen.

Tatsächlich aber handelt es sich wohl eher um ein Missverständnis auf Seiten von Burda. Der Focus als Medium 1.0 versucht Medien der Generation 2.0 für sich zu nutzen und landet auf dem Bauch. Nicht der Focus ist die bestimmende Macht mehr. Twitter dagegen ist es - im Gegensatz zum Focus ungesteuert, unabhängig und überparteilich. Twitter wächst und gedeiht durch alle Twitterer und Follower und findet dadurch seine Identität. Der Focus aber ist zentral organisiert, chefredaktionell gesteuert und steht in der alten Tradition der Medien, die für sich in Anspruch nehmen, zu wissen, was gut für die Leser, Hörer, Zuschauer ist. Man könnte auch sagen: Eine selbstherrliche Art der Hofberichterstattung.

Zu guter Letzt wird der alte Journalismus bloß gestellt: Es ist bezeichnend, dass nicht ein etabliertes Nachrichtenmagazin oder eines seiner Online-Derivate den Fake von Winnenden aufdeckte, sondern die Twitter Community, die sich gar nicht als Teil des “Journalismus” betrachtet.

Wie dieses Beispiel zeigt verliert der althergebrachte Journalismus immer mehr an Gewicht und Identität, Twitter und andere “Live-Ticker” dagegen gewinnen immer mehr Reportage- und Berichterstattungscharakter und erhalten dadurch eine neue newslastigere Webidentität in den Augen der Öffentlichkeit. Mit anderen Worten: Im Sinne der öffentlichen Wahrnehmung wird der klassische Journalismus durch Anbiederung immer banaler und die Meinung Einzelner auf Web 2.0-Sites immer wichtiger. Die Identitäten ändern sich.

Dieser Beitrag wurde unter Identität abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>